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Hochschule hinter Stacheldraht
Nr. 37-Stadtarchiv, Jakob-Grimm-Schule (Quelle: Historische Einblicke in unsere Stadt; Hrsg. Magistrat der Stadt, Stadtarchiv Rotenburg, Druck: 1997

Die Jakob-Grimm-Schule als Gefangenenlager

Vom 1. Dezember 1939 bis zum 29. März 1945 diente die Jakob-Grimm-Schule in Rotenburg an der Fulda als Lager für gefangene Offiziere der deutschen Kriegsgegner.

Im gesamten Reichsgebiet wurden mit Kriegsausbruch am 1. September 1939 Lager für Unteroffiziere und Mannschaften eingerichtet - mit der Bezeichnung STALAG (für Stammlager). Die separaten Lager für Offiziere hießen OFLAG.

Weil Rotenburg zum Bereich des IX. Armeekorps (Sitz in Kassel) gehörte, erhielt das Offiziersgefangenenlager in der JGS die Bezeichnung OFLAG IX C, ab Ende Juni 1940 OFLAG IX A/Z; es war offiziell ein Zweiglager des Hauptlagers in Spangenberg (OFLAG IX A/H).

Zunächst kamen (ab 1.12.1939) über 400 polnische Offiziere und 56 Militärgeistliche in das Rotenburger Lager; sie waren nach dem deutschen Überfall auf Polen im Laufe des Septembers 1939 in Gefangenschaft geraten. Die Geistlichen wurden bereits am 18. April 1940 ins Konzentrationslager Buchenwald geschafft und von dort im Juli 1942 nach Dachau deportiert, wo viele grausam starben.

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    Juni 1940 bis August 1942: ca. 600 Belgier

    Die polnischen Offiziere wurden am 26. Juni 1940 nach Woldenberg/ Brandenburg gebracht. So wurde Platz für ca. 600 belgische Offiziere geschaffen, die nach dem Einfall deutscher Truppen in die heutigen Beneluxstaaten und Frankreich zu Gefangenen geworden waren.

    Die Ende Juni 1940 in die JGS eingewiesenen belgischen Offiziere waren überwiegend Berufssoldaten, in ihrer großen Mehrzahl gehörten sie dem wallonischen Bevölkerungsteil Belgiens an. Bis auf wenige vorzeitig Entlassene blieben sie die nächsten beiden Jahre in Rotenburg, bevor sie im August 1942 nach Fischbeck (bei Hamburg) verlegt wurden.

    August 1942 bis März 1945: In der JGS wird Englisch gesprochen

    Im August/September 1942 wurde die JGS zum Zwangsaufenthalt für Offiziere aus Großbritannien und dem gesamten britischen Weltreich, von März bis Juni 1943 ergänzt durch 155 US-Amerikaner im Offiziersrang.

    Genfer Konvention von 1929 beachtet

    In den genannten Zahlen waren stets auch 60 bis 80 „Ordonnanzen“ enthalten, Mannschaftsdienstgrade als Hilfskräfte der Offiziere, in der Deutschen Wehrmacht als „Burschen“ tituliert. Aufgrund der Genfer Konvention von 1929 hatten kriegsgefangene Offiziere Anspruch auf solche Ordonnanzen, die sie von ihrem Wehrsold entlohnen mussten. Die in Rotenburg Verantwortlichen haben sich konsequent an den Bestimmungen der Genfer Konvention orientiert, sodass es nach dem Krieg zu keinen Verurteilungen wegen Kriegsverbrechen kam.

    Aus Klassenräumen werden Schlafsäle

    Für die Unterbringung der Kriegsgefangenen in der JGS waren nur geringe Vorkehrungen erforderlich. In den Klassenräumen waren lediglich Stapelbetten aufzustellen. Für die höheren Offiziere, die in die obere Etage kamen, wurden die Klassenräume provisorisch in kleinere Einheiten umgewandelt.

    Stacheldraht und Wachtürme

    Nicht genau bekannt ist der Termin, zu dem das Lagerareal - unter Ausschluss des Lehrerwohnhauses - mit doppeltem Stacheldraht eingezäunt und Wachtürme errichtet wurden. Ebenso fehlen Angaben zur Errichtung einer Baracke auf der Bergseite des Schulgeländes als Krankenstation. Nach einem Bericht des damaligen Lagerfeldwebels Sultan wurden diese Maßnahmen erst nach der Verlegung der polnischen Gefangenen eingeleitet.

    Lagerhaus für Rot-Kreuz-Pakete

    Ein großer Schuppen für die Lagerung der Rot-Kreuz-Paketsendungen, die in der Folgezeit für die Versorgung der Gefangenen allergrößte Bedeutung haben sollten, wurde im Frühsommer 1943 auf der Straßenseite des JGS-Geländes errichtet. Ab Jahresmitte 1944 wurden die Absperrungen und Sicherheitsmaßnahmen innerhalb des Lagers erheblich ausgeweitet und verstärkt, nachdem es mehrfach zu Ausbruchsversuchen gekommen war.

    Befreiung der Kriegsgefangenen am 13. April 1945

    Am 29.03.1945 wurden die noch verbliebenen ca. 400 Kriegsgefangenen zu einem Evakuierungsmarsch gezwungen, der am 13.04.1945 vor den Toren von Eisleben durch die dort einrückende 3. US-Army sein Ende fand.

    Bis Juni 1940 waren dies über 400 polnische Offiziere, darunter 56 Militärgeistliche. Von Juni 1940 bis Anfang August 1942 waren hier knapp 600 belgische Offiziere in Gefangenschaft. Ende August 1942 wurde die Jakob-Grimm-Schule Rotenburg unter der Bezeichnung OFLAG IX A/Z Kriegsgefangenenlager für die gleiche Zahl von Offizieren aus Großbritannien und dem Commonwealth, von März bis Juni 1943 auch für ca. 150 Offiziere aus den USA.